Gott des experimental Pop: Grimes 1


Der Artikel mag etwas spät kommen, hat die junge Kanadierin doch schon seit einem knappen halben Jahr nichts Neues mehr fabriziert und nimmt sich gerade auch eine Auszeit vom Touren. Verdient hat sie es trotzdem allemal, hier genant zu werden. Immerhin gehört Grimes derzeit zu den heißesten Acts überhaupt und schreibt tatsächlich ein Masterpiece nach dem anderen, ohne in der allzu üblichen Kategorie „fünf von zehn Songs sind gut … ach passt schon, alle rauf auf die Platte“ zu denken, in der so ziemlich nahezu jede Band denkt. Dabei gelingt ihr das eigentlich inzwischen fast Unmögliche: Etwas wirklich Neues zu machen. Jeder andere sonst klaut meist bloß. So viele Möglichkeiten für Rhythmus, Harmonie und Melodie gibt es nämlich gar nicht, die meisten Songs wurden schon gesungen. Deswegen braucht es in der heutigen Zeit für Originalität ein weit größeres Genie als noch vor 100 Jahren.

Grimes im Höhenflug

Dass Grimes ein solches ist, zeigt sich auch darin, dass es ihr gelingt, so viele verschiedene Rollen einzunehmen. Eine Band sollte in erster Linie natürlich authentisch sein. Da muss wirklich alles konsistent ablaufen, von der Grundstimmung der Musik angefangen über das Erscheinungsbild bis hin zu den kleinsten Tanzbewegungen. Passt hier irgendetwas nicht ins Gesamtbild, merken die Hörer das und stören sich daran. Stellt man sich auf der Bühne selbst dar, lässt sich das relativ einfach erreichen. Schwerer wird es schon, wenn man sich einen Charakter ausdenkt und ihn dann bei Gigs verkörpert (was übrigens viele Musiker machen). Doch wechselt man bei nahezu jedem Song auch den Charakter und verkörpert gleich ganz viele davon, wie das Grimes eben macht, benötigt man schon ein sehr feines Gefühl für die Konsistenz der Ausdrucksformen und muss auch genau verstehen, welche auch besonders gut zu welchem Charakter passen, von dem schauspielerischen Geschick mal ganz abgesehen.

Grimes und der Zeitgeist

Dass die elfenhafte Künstlerin auch damit durchkommt, nur Charaktere darzustellen und nicht nur sich selbst, sagt auch viel über unseren Zeitgeist aus. Bob Dylan tat schließlich dasselbe. Wie er in einem Interview zugab, kopierte er auf der Bühne einfach Musiker, deren Blick er irgendwie faszinierend und hypnotisierend fand. Doch als man ihn dann in Interviews als ganz anders erlebte, wurde er auf Gigs fortan nur noch ausgebuht und als „phony“ (falsch) bezeichnet. Heute würde so etwas niemanden mehr verärgern. Längst sind wir nämlich im Zeitalter des Diebstahls angekommen, wo Musik gedownloadet werden kann, ohne dass man die Urheberrechte beachtet oder Youtuber wie Pewdiepie, dessen Charakter eigentlich nur aus Southpark-Sprüchen und Computerspiel-Referenzen besteht, millionenfach geklickt werden.

Die zweite Implikation von Grimes` Erfolg sieht da schon deutlich positiver aus. Bisher gab es nämlich kaum starke Frauen in der Musik und eigentlich auch sonst nirgends, zumindest von seltenen Ausnahmen wie Janis Joplin, Wanda Jackson oder Marie Curie abgesehen. Und man fragte sich, ob das weibliche Geschlecht keine Lust hatte, gehindert wurde oder schlichtweg nich zu genialen Beiträgen in der Lage war. Letzteres war es offensichtlich schon mal nicht. Ob es jetzt am ersten oder zweiten Grund lag, ist auch nicht mehr wirklich wichtig. Die schiere Menge an richtig guten Musikerinnen, die den Markt derzeit geradezu überschwemmen, zeigt, dass es damit jedenfalls ein Ende hat. Dies mag auch ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. In anderen (Arbeits-) Bereichen wird es wohl ähnlich ablaufen.

Hier ein etwas älterer Auftritt beim Kultsender KEXP


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